In der deutschlandweit bekannte Fahrradkneipe „Pedale“ am Gersfelder Bahnhof gehen am Sonntag die Lichter aus. Eigentümer Jürgen Ehrhardt geht in Rente, die Gaststätte wird geschlossen.
„Ich drehe am Sonntagabend den Schlüssel rum und dann ist Feierabend“, sagt der 67-Jährige. Damit geht so etwas wie eine Ära zu Ende: Die Kneipe „Pedale“ war im Frühjahr 1994 im Bahnhof Gersfeld eröffnet worden und war die nach eigenen Angaben erste Fahrradkneipe Deutschlands. Und das ist wörtlich zu verstehen: Die Einrichtung ist stilecht. Die Stühle bestehen aus Fahrradgabeln und Felgen, die Garderobe aus gebogenen Rennlenkern, die Hängelampen über den Tischen tragen als
Schirme Fahrradhelme. Die Wände zieren Bilder mit Fahrradmotiven und Abdrücke von Fahrradreifen. „Die Möbel habe ich selbst hergestellt, die gibt es sonst nirgends auf der Welt.“ Gezapft wird Bier, das durch einen Fahrradrahmen fließt. Auf der Speisekarte stehen Satteltaschen und Strampelsaft, Bremszüge und Kettenöl, Strammer Radler und Fahrrad-Lack. Bei den Gästen kommt das gut an: Im Gästebuch haben sich Radfahrer und Freunde der Kneipe aus der ganzen Welt eingetragen. Schon wer vor dem Lokal steht, weiß, dass am Bahnhof Fahrräder und Radler im Mittelpunkt stehen: An der Fassade sind vier Zweiräder übereinander angebracht – so wie die Tiere der Bremer Stadtmusikanten. Sie verweisen auf die Herkunft der Ehrhardts: Jürgen und Irene stammen aus Bremerhaven. Sie waren vor mehr als 30 Jahren nach Gersfeld gekommen, Jürgen hatte hier eine Stelle in der Jugendarbeit angenommen. Anfang der 90er Jahre mietete er den Bahnhof und eröffnete darin zuerst einen Fahrradladen und danach die Fahrradkneipe. Sie liegt am hessischen Fernradweg R 1.
Bedauern von den Gästen
Überraschend kommt die Schließung nicht: „Ich habe immer gesagt, mit 67 gehe ich in Rente“, sagt der Wahl-Gersfelder. Außerdem wolle die Bahn das Gebäude verkaufen. Die Gäste, die am Freitag zum traditionellen freitäglichen Essenstammtisch und zum Public Viewing kamen, drückten ihr Bedauern aus. „Hier fühlten wir uns alle wie zu Hause“, sagt Karl-Heinz Hingst, Mitglied einer Tippgemeinschaft und Stammgast. Die Atmosphäre sei familiär, er könne mit dem Wirt über alles reden. Ob er und sein Stammtisch sich nach der Schließung ein anderes Lokal suchen, weiß er noch nicht. Ähnlich äußert sich Gast Klaus Heiligenstühler. Die Schließung nennt er „einen Schlag für den Tourismus“. Gersfeld werde ein Imageproblem bekommen: Bislang war das „Pedale“ für viele Touristen und Sportler, die mit dem Zug anreisten, die erste Anlaufstelle. Ehrhardt gab Tipps zu Radstrecken, Sehenswürdigkeiten und Übernachtungsmöglichkeiten. Demnächst sei der Bahnhof verwaist oder sogar verbrettert. „Hier geht ein Stück Lebensqualität verloren.“ Was aus dem Kleinod der Radler an Gersfelds wohl wichtigstem Touristenort passiert, ist unklar. In der kommenden Woche räumt Ehrhardt das Lokal aus. Die Einrichtung soll demnächst deutschlandweit versteigert werden. „Vielleicht findet sich jemand, der solch eine Kneipe an einem Radweg wieder aufbauen will.“ Wehmütig ist der Rentner nicht. „Irgendwann ist eben Schluss.“ Fahrradfreunden wird Ehrhardt auch mit 67 erhalten bleiben: Er schließt zwar die Kneipe, eine neue Geschäftsidee rund um das Velo hat er aber schon in der Schublade. Wer die besondere Atmosphäre der Fahrradkneipe erleben will, kann dies heute, Samstag, und morgen, Sonntag, tun: Sie befindet sich am Bahnhof und hat jeweils von 10 bis 20 Uhr geöffnet.
weitere Informationen unter www.fahrradkneipe.de
Artikle von Norman Zellmer Fuldaer Zeitung